150 Jahre Feuerwehr-Fest
27. bis 30. April 2018
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Ortsgründung

Der Friedensplatz in Friedrichshofen - Dorfplatz und Erinnerungsort

Der „FRIEDENSPLATZ", um den es hier geht, war seit 1871 der erste und lange Zeit auch der einzige öffentliche Platz für besondere Veranstaltungen und Feiern der Friedrichshofener Dorfgemeinschaft, bis im Kriegsjahr 1942, bedingt durch die Kriegsentwicklung, ein weiterer, ähnlicher Gedenkplatz hinzukam, ein Platz ganz am westlichen Ausgang des Ortes, ein Gedenkplatz für die Gefallenen des 2. Weltkriegs nämlich, der auch nach dem 2. Weltkrieg bis 1985 noch der Friedrichshofener Gefallenengedenkplatz blieb, insofern als er regelmäßig für die Veranstaltungen zum Volkstrauertrag benützt wurde.

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FRIEDENSFEST UND FRIEDENSLINDE 1871.

Der Friedensgedenkplatz lag mitten im Dorf, soweit man bei einem Zeilendorf überhaupt von einer Ortsmitte sprechen kann. Er lag unweit von Schule und Dorfgasthaus, genauer: an der Nordseite der Hauptstraße gleich nach dem Schulhaus und dem Anwesen des Maurermeisters, Alt-Veteranen und Alt-Gemeindebevollmächtigten Valentin Riebel (Haus-Nr. 27, heute: Friedrichshofenerstraße 22, 24, 26), an einem größeren, bereits als Flurparzelle abgemessenen, aber noch nicht urbar gemachten Stück Heidegrund, das seit dem Grundstückstausch mit Gaimersheim i. J. 1847 noch in Gemeindebesitz war und dessen Vorderpartie sich als Ortsmittelpunkt und Dorfplatz geradezu anbot.

Hier wurde im Jahre 1871, am Sonntag, den 19. März, von der ganzen Gemeinde Friedrichshofen die bevorstehende, teils schon erfolgte Heimkehr der Soldaten aus dem Deutsch-französischen Krieg von 1870/71, der Sieg über Frankreich und die seit zwei Generationen herbeigesehnte Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches gefeiert. Am Sonntag zuvor, am 12. März, war in der protestantischen Stadtpfarrkirche zu Ingolstadt der Dankgottesdienst begangen und wieder zwei Tage vorher, am Freitag 10. März, der Trauergottesdienst für die Gefallenen abgehalten worden.

An dieser denkwürdigen ersten Friedens- und Sieges-Feier auf dem Dorfplatz in Friedrichshofen haben – von einem Festkomitee organisiert – außer den wenigen Kriegsheimkehrern, die im Mittelpunkt des Tages standen (vielleicht Christoph Riebel), gewiss so gut wie alle Ortseinwohner teilgenommen, darunter in erster Linie die wenigen Veteranen des Deutsch-deutschen Krieges von 1866 und des Deutsch-dänischen Krieges von 1864 – unter letzteren z.B. Nikolaus Kellerhals und Valentin Riebel, der auch den Sturm auf die Düppeler Schanzen im Deutsch-dänischen Krieg von 1864 noch mitgemacht hat –, dann die ebenfalls wenigen Reservisten und Landsturmmänner des Orts (z.B. Joseph Dürr und Joseph Schambach), und mit Sicherheit waren auch die vielen, jungen Mitglieder des erst im Mai 1870 gegründeten Vereins der Freiwilligen Feuerwehr Friedrichshofen angetreten, zumal diese ja nach dem Kriegsausbruch im September 1870 zusätzlich mit den Sicherheitsaufgaben einer „Bürgerwehr" betraut worden waren. Natürlich nahmen der Bürgermeister und Handelsmann Johann Schwab, das komplette

Gemeindeverwaltungs-Kollegium und auch der tüchtige Lehrer und Gemeindebevollmächtigte Georg Leonhardt Wagner mit seinen Schulkindern an der Feier teil.
Der junge Herr Schullehrer (26) hielt dabei eine hochpatriotische, „sehr schwungvolle Rede" und ließ seine über 60 Werktags- und Feiertagsschüler und -schülerinnen die damals gängigen vaterlandsfrommen Lieder anstimmen, das ewigschöne „Nun danket alle Gott", das mitreißende „Es braust ein Ruf wie Donnerhall", das trutzige „Der Gott, der Eisen wachsen ließ" und natürlich das getragen-hymnische „Heil Dir im Siegerkranz!". Auch das nationalliberale „Deutschland über alles" wurde damals schon unter die vaterländischen Volkslieder gerechnet, einschließlich seiner dritten Strophe. Dann wurde zur bleibenden Erinnerung an den großen Tag durch das Festkomitee eine Linde gepflanzt.

Das „Ingolstädter Tagblatt" berichtete auf seiner Titelseite, welch erhebende Momente es waren, „während welcher unter Choralgesang die Siegeslinde von der Schuljugend und den Gemeindebürgern in den deutschen Boden gesetzt und gegraben wurde". Der Tagblatt-Korrespondent, vermutlich der Herr Lehrer persönlich als einer der Hauptinitiatoren des Festes, schloss seinen Bericht mit dem Wunsch: „Möge diese Friedenslinde ewig grünen und das von der Gemeinde Friedrichshofen gegebene schöne Beispiel überall Nachahmung finden." (IT 21.03.1871)

Dem „Tagblatt" zufolge hat das Friedrichshofener Beispiel aber im ganzen Amtsgerichtsbezirk keine Nachahmung gefunden, ausgenommen in Großmehring, wo man (am 9. September) „zum immerwährenden Gedächtnis auf dem Hauptplatze des Ortes eine in allen Teilen kunstvolle Mariensäule errichtet" hat. (IT 15.09.1871) Der Geist, der damals die ganze Ortsgemeinde erfüllte, war derselbe, der zwei Wochen vorher eine spektakuläre Friedensfeier in Ingolstadt – man nannte es die Ingolstädter „Jahrhundertfeier" – und dann all die dörflichen Friedensfeiern im Landbezirk bis in den September hinein auszeichnete. Es war Dank gegen Gott als dem traditionellen „Herrn der Heerscharen" – oder auch gegen ein „gnädiges Schicksal" – für den errungenen Sieg und die glückliche Heimkehr der Krieger, war Freude und Stolz angesichts dieses Sieges, war eher gemischte Freude im Blick auf die erreichte nationale, aber nur „kleindeutsche" Einheit unter einem preußischen(!) und protestantischen(!!) „Deutschen Kaiser", worüber bei den Protestanten zwar der bügerlich-liberale und politisch „großdeutsch" gesonnene Kopf trauerte, aber, ganz im Unterschied zu den Katholiken, immerhin die kirchenchristliche Seele jubelte. Noch ahnten ja nur wenige, welche Entwicklungen und Großkatastrophen das giftige Gebräu, das der Zeitgeist von 1870/71 hier aus Nationalismus und Klerikalismus, Militarismus und Imperialismus anrührte, im 20. Jahrhundert noch hervorbringen konnte. Was man seit den Befreiungskriegen fast schon wieder vergessen hatte, dass der „Heldentod fürs Vaterland" auf dem „Felde der Ehre" gottgefällig, bürgerlich eine Ehre und der „himmlische Lohn" gewiss sei, das wurde nun in Gottesdienst, Schule und Elternhaus wieder zur verhängnisvollen Selbstverständlichkeit. Leider.

Man hat dabei sicherlich zum ersten Male in Friedrichshofen, auf dem Festplatz und an manchen Anwesen, den Schmuck von Tannengrün und auch die neuen Reichsfarben Schwarz-Weiß-Rot gesehen, war doch die Bevölkerung von Amts wegen zur Beflaggung und Dekoration und zur abendlichen Illumination der Häuser aufgefordert worden.
Fast 20 Jahre lang schweigen sich dann unsere Quellen darüber aus, ob überhaupt und gegebenenfalls welcher Art Veranstaltungen danach alljährlich auf dem Festplatz stattgefunden haben, Gut denkbar, dass die reichsweiten deutschnationalen Gedenkfeiern, wie der Sedanstag und die Kaisergeburtstage, hier ihren dörflich-vaterländischen Niederschlag fanden, zumal ja der Dorfwirt und die bürgerlichen Vereine, wie die Freiwillige Feuerwehr und auch der bald danach gegründete Schützenverein Friedrichshofen, ein starkes Interesse an diesen Veranstaltungen hatten.

Ein Kriegerdenkmal zum Gedenken der Gefallenen, wie vor der katholischen Garnisonskirche (der heutigen Franziskanerbasilika) in Ingolstadt, hat es aber damals und auch nach 1914/18 auf dem Platz nicht gegeben, weil anscheinend wenigstens 1871 alle Ausgezogenen wieder heil heimgekommen sind und weil ja auch – angesichts der Konfessionsgegensätze im Land –im Juni 1871 schon allerhöchst angeordnet worden war, Gedenktafeln mit den Namen der gefallenen Krieger und der betreffenden Schlachten in den jeweiligen Pfarrkirchen anzubringen.

FEUERWEHRHAUS UND FEUERWEHRBRUNNEN.

Im Jahre 1889 wird bei der Gemeindevisitation durch das Bezirksamt „die Anschaffung einer fahrbaren [d.h. pferdebespannten], leistungsfähigen Feuerspritze" für die Freiwillige Feuerwehr angeordnet, und die Gemeindeversammlung beschließt deshalb am 15. Februar 1890, das dafür notwendige „Feuerwehr-Requisitenhaus zur Unterbringung der neuen Feuerspritze", kurz „Spritzenhäuschen" oder „Feuerhaus" genannt, „zwischen Friedenslinde und dem Wohnhaus des Friedrich Riebel, hier an der Hauptstraße," zu errichten, und das scheint dann im Jahre 1892 auch geschehen zu sein. Der Maurermeister Friedrich Riebel war der Sohn des Maurermeisters Valentin Riebel, und damit war der Platz klar definiert (Flurstück Pl.-Nr. 2540 ¼ a).
Das schlichte, über hundertjährige Dorf-Feuerwehrhaus steht heute noch an Ort und Stelle, wenn auch nicht mehr als Spritzenhaus, aber immer noch im Gebrauch der Feuerwehr, hauptsächlich der Feuerwehr-Jugend. Übrigens weist der Platz auch heute noch die Überreste eines einst zugänglichen, mit Ziegelsteinen ausgelegten Brunnens von ca. 4 Meter Tiefe und etwa 1,5 Meter Durchmesser auf, der leicht wiederhergestellt werden könnte und der offenbar damals, etwa 1890/92, für die Bedürfnisse der Feuerwehr, also auch zum öffentlichen Nutzen, angelegt worden ist. Dieser „Feuerwehrbrunnen" befindet sich neben dem heutigen Maibaumstandort und ist mit einem Kanaldeckel fest verschlossen.

DIE NACHPFLANZUNG DER FRIEDENSLINDE.

Im Jahre 1899 fand auf dem „Platz bei der Friedenslinde" vor dem Feuerwehrhäusl abermals – und diesmal ganz außer der Reihe – ein großes vaterländisches Fest statt. Was war geschehen? Ganz einfach. Im Vorjahr, also 1898, war die nun 27-jährige Linde im Sommer „infolge der Unbilden der Witterung" – oder weil die Feuerwehr unachtsam mit Chemikalien umgegangen war? – „abgedorrt". Sie hatte im Frühjahr nicht oder nur kümmerlichst ausgeschlagen, hatte ihren lieblichen Duft nicht mehr verströmt, so dass sie jetzt im Herbst durch „eine neue schlanke Linde" ersetzt wurde. Die Friedenslinde war also in den nahezu 30 Jahren keineswegs in Vergessenheit geraten, sondern war ein wichtiger Bestandteil der Friedrichshofener „Dorfkultur" geworden, ein Wahrzeichen, das man nicht missen mochte. Aus diesem Anlass veranstalteten die Friedrichshofener am letzten Oktober-Sonntag 1899 im Rahmen der Nachpflanzung abermals ein großes vaterländisches Fest, ein Dorffest, dem das nationalliberale Ingolstädter „Tagblatt" wieder einen längeren Artikel widmete und dem es nachrühmte, dass es „dem politischen Geist der dortigen Bürger das beste Zeugnis" gegeben habe. Sein Berichterstatter schrieb:

„Der gestrige Sonntag [30. Oktober] war für unseren Nachbarort Friedrichshofen wohl ein Tag, der dem politischen Geist der dortigen Bürger das beste Zeugnis gab. Galt es doch, die im Jahre 1871 von den heimgekehrten Kriegern, Veteranen und den Bürgern gepflanzte Friedenslinde nächst dem Feuerhaus, welche in Folge der Unbilden der Witterung im letzten Jahre abgedorrt ist, durch eine neue schlanke Linde zu ersetzen. Schon um 1 Uhr war die Feuerwehr Friedrichshofen angetreten, um der Inspizirung zu harren, die Herr Bezirksamtmann Boveri und Herr Bezirksfeuerwehr-Vertreter Höfner von Ingolstadt vornahmen. Beide Herren sprachen sich sehr lobend aus.

Nun setzte sich eine Abtheilung der Feuerwehr an die Spitze des Festzuges, ihr folgte die Musikkapelle, dann die Schuljugend mit Fähnchen. Ein mit 4 Pferden bespannter, mit einer Tannenkrone und Fähnchen geschmückter Festwagen folgte mit der jungen Linde, daran schlossen sich die Veteranen, das Festkomité, Bürger und Einwohner von Friedrichshofen. Nach dem Einsetzen der jungen Linde trug das Fräulein Tochter des Herrn Bürgermeisters [Jakob] Berthold einen ergreifenden Prolog vor, Herr Zeugfeldwebel Mößbauer übernahm hierauf unter Hinweis auf die geschichtlichen Daten in schwungvollen Worten die Festrede und schloß mit einem Hoch auf S. Kgl. Hoheit den Prinzregenten. Hierauf wurde der Baum in gewählten Worten durch Herrn Christian Braun der Gemeinde-Verwaltung übergeben.

Nun setzte sich der Festzug neuerdings in Bewegung und zwar ins Sinzinger'sche Gasthaus, dessen Saallokalitäten wiederum durch Herrn Feldwebel reich dekoriert und mit patriotischen Schildern behängt waren. In erster Linie wurde die Schuljugend mit Würsten und Bier regalirt, dann folgte ein Conzert bei größter Betheiligung der Einwohnerschaft Friedrichshofens, der Umgebung und von Ingolstadt. Ein bestarrangirtes Tanzkränzchen mit gewählten Pausen schloß die schön durchgeführte Feier. Den Herren Arrangeuren, besonders Herrn Feldwebel Mößbauer und Herrn Lehrer Weber, sei die vollste Anerkennung für ihr Mühen gezollt." (IT 1.11.1899, S. 5)

GEMEINDEWAAGE UND WAAGHÄUSL...

Kurz vor dem ersten Weltkrieg hinterlässt der Geist des materiellen Fortschritts abermals eine seiner Spuren auf dem Platz. Auch diesmal ist es ein alltägliches, schon seit den 1960er Jahren wieder verschwundenes, aber über ein halbes Jahrhundert hin sehr wichtiges Denkmal moderner dörflicher Sachkultur. Es geht um die Anschaffung einer „Gemeindewaage", von der das Gemeindeausschuss-Protokoll vom 8. November 1912 feststellt, dass sie „schon längst als ein notwendiges Bedürfnis vermißt wird". Diese „Anschaffung" wird 1912 in die Wege geleitet, 1913 verwirklicht, und zwar zweckmäßigerweise auf dem Friedensplatz, wo die An- und Abfahrt der leeren und beladenen Fuhrwerke auf Gemeindegrund problemlos geschehen konnte und ein Verkehrsstau auf der Hauptstraße nicht zu befürchten war. Von der einstigen Lage dieser in den Boden eingelassenen Fuhrwerks- und Viehwaage kann man sich eine Vorstellung machen, wenn man weiß, dass das dazugehörige, für die Ablesung und Abfertigung benötigte, danebenstehende „Waaghäusl", eine einfache Blechkonstruktion, östlich der Friedenslinde aufgestellt war. Diese gemeindeeigene Einrichtung wurde nebenberuflich von Gemeindeeinwohnern betrieben. Ab 1913 versah für lange Jahre Josef Braun, ein größerer Kuhbauer im Ort, den Dienst als Waagmeister. Er musste sich nicht nur um alle Wiege- und Wartungsgeschäfte, sondern auch um die regelmäßige Nacheichung und um die anfallenden Reparaturen durch auswärtige Firmen kümmern.

KRIEGSHEIMKEHRER-BEGRÜSSUNGSFEIER 1919.

Anfang Januar 1919 stand wiederum ein Friedensschluss ins Haus. Diesmal wurden über 50 Kriegsheimkehrer aus dem Weltkrieg 1914/18 mit großer Anteilnahme im abermals festlich geschmückten Ort empfangen, wenn auch nicht so farbenfroh und hochgemut wie anno 1871. Die noch in Königsblau ins Feld Gezogenen kehrten ja nun in Feldgrau und nicht als Sieger, sondern als die Überlebenden von Verdun, vom „Toten Mann" und von der Sommeschlacht heim. Vierzehn von ihnen, die auch mit ausgezogen waren – junge Friedrichshofener Söhne und Schwiegersöhne, Gatten und Väter im Alter von 20 bis 33 Jahren –, kehrten überhaupt nicht mehr heim aus dem „Völkerringen", Völkermorden. Was von ihnen übrig blieb, vermoderte auf dem „Felde der Ehre", in Frankreich, Belgien, Rumänien und auf dem Meeresgrund im Ärmelkanal.

Sie erhielten damals kein Denkmal im Ort, etwa auf dem „Friedensplatz" – so wie übrigens auch die Ingolstädter Gefallenen des Ersten Weltkriegs bis heute kein öffentliches Gedenken erhalten haben –, weil ihre Namen ja auf den Ehrentafeln in der jeweiligen Pfarrkirche und in der Synagoge verzeichnet standen, wo sie gewissermaßen an jedem Gottesdienst teilnahmen. Acht Friedrichshofener Namen waren es auf den fünf großen Tafeln im Chor der Ingolstädter evangelischen Stadtpfarrkirche; sechs weitere auf den Tafeln der katholischen Kirchen in Ingolstadt und Gaimersheim.

Auch diese denkwürdige Heimkehrerfeier am frostigen Samstagnachmittag, 4. Januar 1919, fand „auf dem freien Platz vor der Gemeindewaage" statt, dem Platz bei der Friedenslinde und dem Feuerwehrhaus also, und auch sie war immer noch getragen vom vaterländischen Pathos der Vorkriegszeit. Es lohnt jedenfalls, sich dieses Ereignisses deutlich zu erinnern. Es begann diesmal mit der traditionellen, vaterlandsfrommen Gefallenenehrung – so ergreifend war sie noch nie – und endete wie üblich in der Sinzinger'schen Wirtschaft bei Festschmaus, Freibier und Tanz.

Das „Ingolstädter Tagblatt" überliefert diesmal einen besonders genauen Korrespondentenbericht über das Festereignis, einen Text, der viele lehrreiche, zeittypische Umstände und Werturteile festhält und schon deshalb mitsamt dem Ereignis vor dem Vergessenwerden bewahrt werden soll. Er lautet: „Eine Feier selten schöner Einmütigkeit veranstaltete unsere Gemeinde ihren aus dem Felde zurückgekehrten Kriegsteilnehmern. Es waren dies mehr als 50 Söhne unseres Ortes, die mit Leib und Leben ihr geliebtes Vaterland vor dem Einfall feindlicher Scharen mit schützen halfen. Acht tapfere Helden, die in fremder Erde ruhen, muß die Gemeinde beklagen; außerdem sind noch drei Mann als ‚vermißt' gemeldet. Weitere drei liegen in fernen Lazaretten und harren ihrer Genesung.

Der reichgeschmückte Ort zeigte würdige Sonntagsstimmung, wozu das freundliche Wetter mit hellem Sonnenschein nicht wenig beitrug. Von den Giebeln der Häuser wehten zahlreiche Flaggen, grüßten Kränze und Tannengewind, und ein mächtiger Triumphbogen spannte sich über die Straße. Um 3 Uhr nachmittags versammelte sich die Gemeinde sehr zahlreich auf dem freien Platze vor der Gemeindewaage, woselbst ein einfacher Altar zwischen zwei schlichten Tannen errichtet war. In Reih und Glied marschierten nun unter Vorantritt der Musik die Kriegsteilnehmer in strammer Haltung zum ‚letzten Feldgottesdienst' an. Die Gemeinde sang ein geeignetes Lob- und Danklied, worauf Herr Hilfsgeistlicher [Adolf] Appel eine erhabene Ansprache hielt. Seine Worte gingen tief zu Herzen und lösten im Gemüte der Zuhörer wehes Erinnern aus, als er der gefallenen Helden gedachte.

Nach dem Gebet und Segen marschierten die Kriegsteilnehmer unter schneidigen Klängen, gefolgt vom Gemeindeausschuß und den übrigen Gemeindegliedern zum Festlokal in den oberen Räumen des Hartmann'schen Gasthauses. Nun sprach Fräulein Estelmann mit gutem Ausdruck einen von Herrn Lehrer Augsberger verfaßten und den Friedrichshofener Kriegsteilnehmern gewidmeten „Willkommengruß", der ihnen auch gedruckt überreicht wurde. Dann erhob sich Herr Bürgermeister [Leonhard] Merk und sprach in prächtigen Worten in großzügiger Rede im Namen der Gemeinde den innigen Dank an die Kriegsteilnehmer aus, daß sie der Heimat Schutz und Schirm freudig und selbstlos geliehen haben. Seine warmherzigen Worte klangen in ein freudig aufgenommenes Hoch auf die tapferen Zurückgekehrten aus.

Herr Kirchenrat Ringler, dessen Anwesenheit leider infolge amtlicher Verhinderung auf nur kurze Zeit beschränkt war, dankte den Feldzugssoldaten dafür, daß es ihnen gelungen war, mit ihrer Heimat auch ihre Kirche vor Zertrümmerung zu bewahren, und bat sie, derselben nach wie vor treu zu bleiben und dem Rufe der einzig übrig gebliebenen Glocke gut und gern zu folgen. Zum Schluß dankte auch Herr Lehrer Augsberger den Kriegteilnehmern, indem er ausführte, daß da, wo Gemeinde und Kirche in so erhebender Weise die Tapferen ehren, auch die Schule nicht fehlen dürfe, die eng mit diesen beiden verbunden ist. Redner sprach zugleich im Namen seiner lieben Schuljugend, der es leider infolge der Kürze der Zeit bis zu dieser Feier nicht möglich war, den tapferen Kriegern durch eine besondere Ehrung ihren Dank auszudrücken.

Nach einigen Musikstücken der Gaimersheimer Kapelle erhob sich der Kriegsteilnehmer und Gemeindeausschußmitglied Herr Börner und sprach seinen und seiner Kameraden allerheißesten Dank aus für die schöne Feier, die ihnen die Gemeinde bereitete. Nun gab die Gemeinde, die Freibier für alle Anwesenden ausschenken ließ, den Kriegsteilnehmern ein kleines Festessen, zu dem die Liebe der Gemeindemitglieder in reichstem Maße beigesteuert hatte, wobei auch reichlich Rauchzeug zur Verteilung gelangte. Nach einer kleinen musikalischen Pause begann die Tanzunterhaltung, die die Kriegsteilnehmer und die Gemeindeglieder noch lange beisammenhielt." Aber ganz ungebrochen war das zur Schau gestellte vaterländische Pathos nun doch nicht mehr. Die erregten Debatten um das künftige Schicksal Deutschlands erhitzten damals die Gemüter; man stand wenige Tage vor den ersten Landtagswahlen nach der Revolution und vor den Wahlen zur verfassungsgebenden Weimarer Nationalversammlung. Und der religiöse Pazifismus der Ernsten Bibelforscher fiel bei einigen Familien am Ort schon auf fruchtbaren Boden.

WIE GROSS WAR DER DORFPLATZ EIGENTLICH?

Ob der Gemeindefestplatz damals und von Anfang an die Form hatte, in der er sich heute noch darbietet, ist eine durchaus berechtigte Frage. Vergegenwärtigt man sich den heutigen Platzumfang und die Lage von Lindenbaum und Feuerwehrhäuschen, so fällt auf, dass die beiden den Platz bestimmenden Elemente deutlich am westlichen Rand beim Weg zur Kühtränke hin und nicht mittig an den beiden Längsseiten angebracht sind. Denkt man sich allerdings das flächenmäßig genau entsprechende, auch heute noch unbebaute (als Gebrauchtwagenstellplatz genutzte) Flächenstück westlich der Straße An der Kühtränke hinzu, erhalten die beiden ältesten platzgestaltenden Elemente eine Zentrallage an der südlichen und nördlichen Längsseite eines möglichen Originalplatzes, die verblüffend stimmig ist.

In der Tat gibt es eine aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts stammende, als Luftaufnahme konstruierte, postkartenförmige, topografisch sehr präzise Ortsaufnahme, auf der dieser Platz genau in dieser angedachten, doppelten Größe dargestellt ist mit Feuerwehrhaus und Friedenslinde genau in der angedachten Mittellage. Die i.J. 1899 nachgepflanzte Linde ist darauf noch jungwüchsig und von einem halbhohen, quadratischen Schutzgatter eingehegt, das man sich, den Gemeinderechnungen entsprechend, als blau-weiß gestrichen vorstellen muss. Es mag also sein, dass man das jenseits des heutigen Kühtränkeweges gelegene, korrespondierende Heidegrund-Flurstück (Pl.-Nr. 2540 1/5 b) seit 1871 bis vor dem Ersten Weltkrieg gelegentlich bei Großveranstaltungen mitbenützte. Seit Menschengedenken aber diente es auch als Hausgarten des Braun'schen und dann Rößler'schen Nachbaranwesens und war nicht nachweisbar ein Bestandteil des gemeindeeigenen Dorfplatzes.

DIE ADOLF-HITLER-EICHE, ERINNERUNG UND MAHNUNG.

Die NS-Machtergreifung im Jahre 1933 geht auch am Friedensplatz nicht spurlos vorüber. Noch der alte Friedrichshofener Gemeinderat unter Andreas Berthold beschließt am 8. April 1933 – wie viele Gemeinden landauf, landab –, dem Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, dem Reichskanzler Adolf Hitler und dem gut katholischen, „christlich-nationalen" Hitler-General Ritter v. Epp (dem „Mariengeneral") „aus Dankbarkeit für die unermeßlichen Verdienste der Wiederaufrichtung der nationalen Einheit des deutschen Vaterlandes" das „Ehrenbürgerrecht der Gemeinde Friedrichshofen" zu „verleihen", als wäre das Wunder welche Ehre für die Herrschaften, so dass aus der Reichskanzlei bald darauf die allgemein gehaltene Weisung über die Tagespresse ergeht, man möge doch von derlei Ehrungen künftig absehen. Die NSDAP-Ortsgruppe Friedrichshofen aber will anderen Landgemeinden im Bezirksamt nicht nachstehen und lädt für Sonntagabend, 28. Mai, zu einer kleinen Feier mit Festzug vom westlichen Ortseingang her zum Friedensplatz ein, nimmt auf dem Platz mit der Friedenslinde „die Ehrung ihres Führers Adolf Hitler vor, indem sie dessen Werk, die nationalsozialistische Revolution, durch die Pflanzung einer Adolf-Hitler-Eiche zur dauerhaften Erinnerung macht" – prophetische Worte, die man nicht ernst genug nehmen kann –, und lässt anschließend in den Knaupp'schen Gast- und Tanzräumlichkeiten zur Musik des Ingolstädter SA-Musikzugs bis weit in die Nacht hinein zechen und tanzen. (DB 27.05.1933) Auch diese deutsche Eiche steht heute noch – zur bleibenden Mahnung – auf dem inzwischen schon geschichtsträchtigen Platz. Sie fand damals im unmittelbaren Anschluss an das „Waaghäusl" ihren Standort.

MILCHSAMMELSTELLE UND MILCHHÄUSL.

Um 1937 wird noch ein drittes Element moderner Sachkultur auf dem Platz installiert. Das bisherige System der zentralen Milchablieferung und -abholung im Privatanwesen Johann Bauer (Haus-Nr. 15, jetzt: Friedrichshofenerstr. 45) schien Mitte der 1930er Jahre aus mehreren Gründen verbesserungsbedürftig. Darum richtete man eine neue, zeitgemäße „Milchsammelstelle" ein, und zwar auf dem Dorfplatz in einem schlichten, gemauerten Anbau rechts neben dem Feuerwehrhaus. Hier konnten die molkereieigenen Lastkraftwagen ohne Wendeprobleme von der Straße weg ein- und ausfahren, hier konnte die Vorhaltung und Bewegung, das Be- und Entladen der zunehmenden Zahl großer Milchkannen leichter gehandhabt werden, hier funktionierte vielleicht auch die vorgeschriebene Kühlhaltung besser. Eine Tochter der Familie Bauer besorgte weiterhin die täglichen Geschäfte; übrigens bis weit in die zweite Nachkriegszeit hinein. Erst um 1964 wurde die tägliche Milchabfuhr wieder umgestellt. Nun wurden die Kannen durch die Ingolstädter Molkereifahrzeuge direkt bei den Milchbauern abgeholt. Der Milchhäusl-Anbau steht heute noch beim Feuerwehrhaus und bildet inzwischen mit ihm eine eigentümliche Einheit.

Es kam der Zweite Weltkrieg. Im November 1941 verlangte der Ingolstädter Kreisleiter Friederichs vom Ortsgruppenleiter, „zum dauernden Gedenken an die im Kampf für Großdeutschland gefallenen Angehörigen der Gemeinde Friedrichshofen" einen „Ehrenhain" mit „Steintafeln mit der jeweiligen Namensaufschrift des Gefallenen in würdiger Form" zu errichten. Hierfür kam aber der Friedensplatz offenbar von vornherein nicht in Frage. Einen Denkstein hätte der Platz noch vertragen, einen ganzen „Ehrenhain" aber nicht. Auch vertrugen sich die verschiedenen profanen Nutzungen des Platzes - Feuerwehr, Gemeindewaage und Milchsammelstelle - schlecht mit einem „würdigen" Ehrenhain. So wurde der von der Partei gewünschte „Ehrenhain" im Kriegsjahr 1942 – übrigens nach Einspruch des staatlichen Bezirksamtmanns Strasser und nur als Provisorium bis nach Kriegsende – ganz am westlichen Ortsausgang vor Haus Nr. 28½ (jetzt: Friedrichshofenerstr. 64) angelegt, ein Provisorium, das 43 Jahre Bestand hatte. Der Übergang zum „totalen Krieg" bedeutete für Friedrichshofen auch, zu Anfang 1944 die Feuerwehr am Dorfplatz aufzurüsten, eine kostspielige neue Motorspritze anzuschaffen und das Feuerwehrgerätehaus gründlich zu überholen.

FRIEDENSLINDE UND MAIBAUM ERGÄNZEN SICH.

Als der Zweite Weltkrieg in Friedrichshofen mit dem Einzug der Amerikaner zu Ende ging, waren viele wie vor den Kopf geschlagen, aber es ging auch ein Aufatmen durch das Land. Es gab kein Siegesfest, keine vaterländische Kriegsheimkehrer-Begrüßungsfeier mit Trotzgeste mehr wie 1919, gab auch kein Friedensfest mehr. Der Frieden war einfach da! Und doch gibt es auf dem Platz heute schon längst wieder eine neue Festtradition, eigentlich eine gute, alte Tradition, die außerhalb Friedrichshofens in deutschen Landen schon uralt ist und die nicht schlecht zur Tradition der dörflichen Friedenslinde passt. Der Maibaum hat landauf, landab mit Frühlingsfreude, mit Leben und Liebe, mit Frieden und Freiheit, Bürgerstolz und Gemeinsinn zu tun. Niemand weiß mehr, wann und wie es in Friedrichshofen begonnen hat. Dass es 1937, mitten im Dritten Reich war, tut nichts mehr zur Sache. Man erinnert sich, dass der Maibaum früher auf dem Platz vor der Lammwirtschaft gestanden hat, ehe er im Jahre 1985 auf den Platz bei der Friedenslinde umgezogen ist. Seitdem ist dort das Maibaumaufstellen mit der alljährlichen Maibaumfeier zu einer festen Tradition im Stadtteil Ingolstadt-Friedrichshofen geworden.

Dieser Platz an der Friedenslinde hat eigentlich nie einen richtigen, offiziellen Namen besessen. Er hat nicht einmal „Dorfplatz" geheißen. Aber er war der eigentliche und einzige wirkliche Dorfplatz von Friedrichshofen. Er hat im Leben der Dorfgemeinschaft immer wieder öffentliche Funktionen an sich gezogen, festliche und alltägliche, und wurde diesen Funktionen entsprechend mit wechselnden Namen bedacht. Er hieß Platz „bei der Friedenslinden", „beim Feuerwehrhäusl", „bei der Gemeindewaag" und „beim Milchhäusl". „Adolf-Hitler-Platz" hieß er nie, auch dazu fehlte ihm das Format. Aber nun, nach 135 Jahren und nachdem er alle die vorübergehenden Alltagsaufgaben wieder abgegeben hat, wäre es an der Zeit, ihm einen richtigen, ehrenhaften eigenen Namen zu geben. Am besten – nach seiner allerersten Bestimmung – hieße er wohl „Friedensplatz".

Und jeder stramme Leser, der es bis hier her geschafft hat, den können wir guten Gewissens zu unserem Mitgliedsantrag hier verweisen.

(Quelle: Theodor Straub, im September/Oktober 2006; korr. 30.08.2007)